Die Eskalation des Konflikts am Persischen Golf hat einen Zusammenbruch der regionalen Öllieferungen verursacht. Laut der Fachzeitschrift Petroleum Economist meldeten die meisten Förderländer der Region im März einen starken Produktionsrückgang im Vergleich zum Februar. Produzenten ausserhalb der Region konnten ihre Fördermengen weitgehend aufrechterhalten oder steigern.
Der Rückgang ist grösstenteils auf die fast vollständige Sperrung der Strasse von Hormus zurückzuführen, über die etwa 20% der weltweiten Öllieferungen abgewickelt werden. Da die Exportrouten blockiert blieben und die Lagerkapazitäten erschöpft waren, drosselten die Produzenten am Golf ihre Produktion.
Einbruch der Ölproduktion am Persischen Golf
Auch wenn ein eine schrittweise Wiederaufnahme der Schifffahrt möglich sein sollte, wird erwartet, dass der globale Ölmarkt noch viele Monate lang angespannt bleiben wird. Zwar kündigten die OPEC+ - Staaten für April eine Steigerung um 216’000 Fass pro Tag (b/d) und für Mai ein ähnliches Volumen an, zudem ist die Freigabe von rund 400 Millionen Fass Öl aus strategischen Reserven geplant. Dem stehen Verluste von mindestens 11 Millionen b/d aufgrund der Sperrung der Strasse von Hormus gegenüber – einschliesslich Rohöl, Kondensaten und Raffinerieprodukten. Die Auswirkungen einiger stillgelegter Ölfelder auf die Produktion werden erst später sichtbar werden.
Der grösste Produktionsrückgang war im Irak zu verzeichnen, wo die Fördermenge von 4,3 Mio. auf 1,5 Mio. b/d sank. Die Exporte über die Terminals in Basra und Khor al-Amaya waren von der Blockade der Strasse von Hormus betroffen. Der Irak exportierte etwa 800’000 b/d über die Türkei und ergriff in den letzten Tagen des März Massnahmen, um einen Teil des Volumens über Syrien zu transportieren. Kuwait hat seine Fördermenge von 2,57 Mio. b/d im Februar auf 1,25 Mio. b/d im März mehr als halbiert. Das Land musste höhere Gewalt erklären und die Produktion in seinen Ölfeldern und Raffinerien drosseln, da die Exporte zum Erliegen kamen. Kuwait ist zu 100% von Ölexporten über die Strasse von Hormus abhängig. Saudi-Arabien, der grösste Produzent der OPEC, reduzierte die Produktion von 10,2 Mio. auf 7,75 Mio. b/d. Seine Ost-West-Pipeline könnte zwar bis zu 7 Mio. b/d transportieren, doch das Königreich braucht 2 Mio. b/d, um den heimischen Bedarf zu decken. Der Hafen von Yanbu am westlichen Ende der Leitung wickelte kaum 4,5 Mio. b/d an Exporten ab. Die Vereinigten Arabischen Emirate leiteten mehr als 1,5 Mio. b/d Öl über die Habshan-Fujairah-Ölpipeline im Golf von Oman um und umgingen damit die Strasse von Hormus. Dennoch sank ihre Produktion von 3,39 Mio. im Februar auf 1,95 Mio. b/d im März.
Stabilität ausserhalb der Golfregion
Ausserhalb der Golfregion verliefen die Produktionstrends unterschiedlich. Nigeria beispielsweise steigerte die Produktion von 1,39 Mio. auf 1,51 Mio. b/d, was zum Teil auf verbesserte Betriebsbedingungen im Nigerdelta zurückzuführen war. Auch Äquatorialguinea verzeichnete einen leichten Anstieg. Venezuela setzte seine allmähliche Erholung fort und steigerte die Fördermenge von 87’000 auf 1 Mio. b/d. Dagegen sank die iranische Fördermenge um 21’000 b/d auf 3 Mio. b/d, und auch die libysche Produktion ging leicht um 20’000 b/d auf 1,24 Mio. b/d zurück. Die Gesamtproduktion der OPEC ging von 28,70 Mio. auf 20,70 Mio. b/d zurück.
Die Produktion der Nicht-OPEC-Teilnehmer der OPEC+-Allianz blieb weitgehend stabil. Ihre Gesamtproduktion stieg nur geringfügig von 12,49 Mio. 12,57 Mio. b/d im März. Russland hielt seine Produktion stabil bei 9,0 b/d, während Kasachstan die Produktion leicht auf 1,60 Mio. b/d erhöhte. Die Produktion in Oman, Aserbaidschan, Malaysia, Bahrain und Brunei veränderte sich nur minimal.
Marktausblick und Auswirkungen auf die Preise
Die Krise hat den Ausblick für den Ölmarkt im Jahr 2026 grundlegend verändert. Vor dem Konflikt sagten Analysten voraus, dass das weltweite Ölangebot die Nachfrage zumindest in der ersten Jahreshälfte aufgrund hoher Lagerbestände und steigender Nicht-OPEC-Produktion übersteigen würde. Die Unterbrechung der Lieferungen hat diese Prognose abrupt umgekehrt. Der tägliche Verlust von Millionen Fass an Lieferungen aus dem Golf, verbunden mit logistischen Hindernissen aufgrund des Konflikts, hat den Markt in ein erhebliches Versorgungsdefizit getrieben. Mehrere Verbraucherländer haben strategische Erdölreserven freigegeben, um die Märkte zu stabilisieren, wodurch die Verknappung vorübergehend gemildert wurde. Diese Freigaben haben jedoch auch eine weitere Herausforderung geschaffen: Die weltweiten Lagerbestände müssen letztendlich wieder aufgefüllt werden.
Branchenanalysten schätzen, dass es selbst nach Wiederaufnahme der Schifffahrt 3 bis 5 Monate dauern könnte, bis sich die Ölmärkte wieder normalisieren, da die Wiederaufnahme der Produktion und die Abwicklung des Rückstaus an verspäteten Lieferungen logistisch komplex sind. Die Erholung hängt zudem von der Dauerhaftigkeit des Waffenstillstands und von Infrastrukturreparaturen ab. Gleichzeitig müssen Regierungen, die Notvorräte freigegeben haben, ihre Reserven wieder aufbauen. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob das Angebot die Nachfrage im Jahr 2026 übersteigen wird, sondern wie schnell sich die weltweite Produktion vom grössten Unterbruch der Exporte aus der Golfregion seit Jahrzehnten erholen kann. Bis diese Erholung abgeschlossen ist, dürfte der Ölmarkt strukturell angespannt bleiben, wodurch die Preise weiterhin sehr empfindlich auf weitere geopolitische Entwicklungen im Nahen Osten reagieren werden.
Quelle: Petroleum Economist, 14. April 2024
