Öltanker und Pipelines werden zu Öllagern.

In den USA hat das Pipelineunternehmen Energy Transfer einen Antrag bei der Texas Railroad Commission gestellt, um zwei ihrer Pipelines stilllegen zu können. Das Unternehmen will die Pipelines als Rohöllager zu nutzen. Das brächte etwa 2 Mio. Barrel Lagerkapazität. Die ungewöhnliche Anfrage zeigt, wie ernst die Lage mittlerweile geworden ist.

Zuvor hatte bereits Enterprise Products Partners eine Anfrage gestellt, um die Lieferrichtung einer Pipeline umzukehren und so Rohöl in Richtung Cushing zu transportieren. Für Ölproduzenten wird es immer schwieriger, ausreichend Lagerraum an der US-Golfküste zu finden. "Angesichts der aktuellen Turbulenzen auf dem Rohölmarkt, einschliesslich der Auswirkungen auf die Raffinerie- und Exportnachfrage, besteht ein starkes Marktinteresse für den Zugang zum Cushing-Lagermarkt", begründete Enterprise Products Partners den Antrag.

Allerdings ist auch das keine dauerhafte Lösung zu dem Lagerproblem, da die Bestände in Cushing Oklahoma laut DOE zum 17. April bereits auf 59,7 Mio. Barrel kletterten. Fall die Bestände weiter im gleichen Tempo steigen, könnten die Lager dort bis zum 8. Mai ihre Kapazitätsgrenze erreichen.

Öltanker sammeln sich vor Singapur

Da die Lager an Land auf der ganzen Welt immer knapper werden, steigt auch die Zahl der Tanker, die als schwimmende Lager genutzt werden. Vor der Küste Singapurs sollen es etwa 60 "Clean-Fuel" Tanker sein. Als Clean-Fuel bezeichnet man Naphta, Benzin, Kerosin und Diesel. Üblicherweise seien es nur 30 bis 40 solcher Schiffe, so Rahul Kapoor von IHS Markit. Die Wartezeit für eine Löschung der Ladung beträgt statt der üblichen 4 bis 5 Tagen mittlerweile etwa 2 Wochen.

Die Anzahl könnte aber weiter steigen, denn durch die geringe inländische Nachfrage kommen von den Raffinerien aus Südkorea und China noch mehr Ölprodukte in diese Region. In Indien sollen die Tanks bereits zu 95% ausgelastet sein, sodass die Unternehmen schon Tankstellen als Lager nutzen. Während die Bestände in Singapur Mitte April auf ein 4-Jahreshoch kletterten, steigen die Frachtraten weltweit immer weiter an.

Die Schiffe werden nicht nur als Lager genutzt, die Betreiber wenden derzeit auch eine Strategie an, die in der Branche als "slow steaming" bekannt ist. Öltanker reduzieren dabei ihre Geschwindigkeit bewusst, sodass sie für die Lieferungen länger brauchen, damit sie am Zielort nicht unnötig lange vor Anker liegen müssen. So sparen die Betreiber Treibstoff ein, können die Betriebskosten reduzieren und haben mehr Zeit, um passende Lager zu finden.

Goldman Sachs: Weitere Produktionskürzungen unausweichlich

Bei der US-Investmentbank Goldman Sachs geht man von weiteren umfangreichen Produktionskürzungen in der nahen Zukunft aus. Man sei auf dem Weg die Lagerkapazitäten auszulasten. Wenn dies geschehe, bleibe den Ölproduzenten nichts anderes übrig, als die Förderung einzustellen. Die Analysten der Bank gehen davon aus, dass dieser Fall in etwa drei Wochen eintreten könnte. Dann müssten weitere 20% der globalen Ölförderung abgeschaltet werden. Dies werden nach Schätzungen bei Goldman Sachs Mitte Mai etwa 18 Mio. B/T sein.

Die alles entscheidende Frage am Markt ist aktuell und in den kommenden Wochen: wie lange werden die aktuellen Lagerbestände noch reichen? Wenn die Produzenten ihr Öl nicht einlagern können, wird es wohl zu einer extremen Volatilität kommen. Welch absurde Auswüchse dies annehmen kann, könnte man bei den Negativpreisen bei WTI Anfang der vergangenen Woche sehen. Sollten die Lagerkapazitäten erschöpft sein, könnte sich dieses Schauspiel wiederholen.

Quellmaterial: Futures-Services Mineralöldienst

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