Die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten verdeutlichen, ähnlich wie die Ukraine-Krise zuvor, die Kosten der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Diese Ereignisse könnten den Übergang zu nachhaltigen Energien weiter beschleunigen. Doch damit ist keine Unabhängigkeit gewährleistet. Eine aktuelle Analyse des Strategieberatungsunternehmens Loom warnt vor neuen Risiken, die die Energiewende mit sich bringt.
Originaltitel: Dependence – The National Security Risks of China’s Role in Europe’s Energy Transition (Download unter https://loomstrategy.org/dependence/)
Der schnellste und kostengünstigste Weg zum grossflächigen Einsatz sauberer Energie – Solarmodule, Batteriespeicher, Netztechnologien, Wärmepumpen – führt derzeit überwiegend über China. Pekings Dominanz in diesen Lieferketten ist das Ergebnis jahrzehntelanger Industriestrategie. So läuft die Reaktion Europas auf seine Öl- und Gasabhängigkeit Gefahr, stillschweigend eine weitere Abhängigkeit zu festigen: diesmal von chinesischer Technologie für saubere Energie. Im Jahr 2024 stammten 98% der in Europa eingesetzten Solarmodule, 88% der Lithium-Ionen-Batterien sowie 61% der Wechselrichter aus China.
Die mit dieser Abhängigkeit verbundenen Risiken sind ernst zu nehmen. Sie äussern sich in Form von industriellem, technologischem und geopolitischem Einfluss, der den Wohlstand, die Politik und die Verteidigungsfähigkeit Europas beeinträchtigt. China hat die europäische Solarindustrie dezimiert. Die Automobil- und Windkraftindustrie werden wahrscheinlich als Nächstes folgen. Europas KI-Ökosystem, eine strategische Priorität, läuft Gefahr, von chinesischen Batterien abhängig zu werden. Auch Europas Lieferketten im Verteidigungsbereich sind anfällig. Die Aufrüstung stützt sich auf viele der gleichen Materialien, Komponenten und Fertigungstechniken wie der kohlenstoffarme Sektor. Ohne neue Strategien für die Energieindustrie wird also auch Europas Verteidigungssektor sehr wahrscheinlich stärker von China abhängig werden. Die USA könnten sodann Druck auf Europa ausüben, chinesische Technologie abzulehnen, und mit schwerwiegenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Konsequenzen drohen.
Ein ganzheitlicherer und strategischerer Ansatz zur Bewältigung dieser Risiken fehlt in den Augen der Studienverfasser Michael Collins und Michal Meidan. Die Politik wurde bisher von Emissionszielen und billigen Importen bestimmt, anstatt einer gemeinsamen Bewertung, wie sich globale wirtschaftliche und geopolitische Paradigmen verändert haben. Die beiden Autoren liefern eine gründliche, nüchterne Bewertung dessen, was die neuen Abhängigkeiten für die europäische Sicherheit bedeuten könnten. In ihren Augen werden diejenigen Länder, die die Energieversorgung nicht ausschliesslich als klimapolitische, sondern als industrielle Strategie und sicherheitspolitische Herausforderung betrachten, aus der Energiewende mit echter Energiesouveränität hervorgehen. Wenn Europa nicht handelt, um seine Abhängigkeit von China durch den Aufbau eigener industrieller Kapazitäten zu verringern, könnte es gezwungen sein, dies zu Washingtons Bedingungen zu tun.
